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Prosa-Forum zu Berlin und Umwelt -
lyriek van natuur en Berlijn

Der Wind


September 2002
Erstellt: 11.12.2003

Muss man sich darüber Sorgen machen, dass man denken könnte, man lebt am Meer, wo es doch jahrelang im umbauten Hinterhof windstill war, aber jetzt fast ständig ein frisches Lüftchen weht? 1.6.2013




Wer Wind sät, wird Sturm ernten.


Ein herrlich windstiller Tag heute. Vollkommene Luftruhe. Sonnig. Warm. Wolkenlos. Blauer Himmel. Ein Gute-Laune-Tag für die Menschen.
Es gibt wenig davon in dieser Welt. Aus den vereinzelten Feuerstellen steigt weißer Rauch senkrecht empor.
Im krassen Gegensatz zu den Menschen gibt es viel Wald, Unmengen rauschenden Wald. Fast die ganze Erde ist davon bedeckt. Drachenbäume, Ginkgos, Bo-Bäume, Kastanienbäume, Araucarien, Känguruhbäume, Palmettopalmen, schöne Eichen, Apfelbäume, mächtige Affenbrotbäume, Douglasien und Akazien und noch viele andere reichen sich die Hände.
Friede, Freude, Eierkuchen. Die Erde lebt in Einklang mit sich.


...


Die Menschen vermehren sich. Sie bauen mehr Hütten und brauchen dafür Holz. Also fällen sie fröhlich Bäume, die es im Überangebot gibt.
Die Natur sagt nichts dazu. Jedenfalls glauben das die Menschen. Den leisen Luftzug können sie nicht spüren.
Nur der Rauch der Brennstellen ist nun nicht mehr eine kerzengerade Säule, sondern gleicht eher einem an einen Baum gelehnten Stamm.


s...


Die fleißigen Klapperstörche bringen noch mehr Menschen. Sie brauchen noch mehr Unterkünfte. Sie benötigen auch mehr lebenswichtige Nahrung.
Also trotzen die Menschen den gesunden Wäldern mehr Bäume ab. Um ihre Hütten bauen zu können und Platz für Felder zu haben.
Eine leichte Brise weht. Nur wenig. Die Menschen können sie gerade so fühlen.
Das Windchen meint es gut. Es befruchtet die Getreidefelder, so daß die Menschen sich ernähren können.


Ss...


Da die Erdbevölkerung weiter wächst, ist der Nahrungserwerb allein durch Felder und Jagd den Menschen zu mühsam. Saftige Wiesen für Kühe, Schafe und Pferde müssen her.
Also werden noch mehr kräftige Bäume gefällt.
Das Windchen bläst schwach. Es säuselt durch den dichten Wald; es läßt die Blätter wedeln. Nicht besorgniserregend. Eher ein angenehmes Brislein. Ein wonniger Wohlfühl-Luftstrom.
Der Regen fällt ganz normal aus den Wolken und befeuchtet die Erde. Die duftet würzig.
Die Menschen sehen sich im Einklang mit der Natur.


Sch...


Es werden mehr Menschen geboren als sterben. Alle wollen leben und wohnen.
Holzhäuser können durch lodernde Feuer zerstört werden. Steinhäuser sind sicherer. Also bauen die Menschen flache Steinhäuser.
Die nährenden Felder und fetten Wiesen werden vergrößert. Die säuselnden Wälder nehmen ab.
Die Brise nimmt zu. Sie bläst mäßig stark, so daß sich kleine Zweige bewegen. Keine wesentliche Steigerung.
Alles bleibt friedlich und ruhig. Die Erde bleibt fruchtbar und wohlriechend.


Scht...


Weiterhin erblicken mehr Menschen das Licht der Welt als sich von der Erde verabschieden.
Alle wollen sie leben und wohnen.
Und arbeiten.
Es werden stinkende Fabriken gebaut.
Diese brauchen beträchtliche Freiflächen. Die kraftstrotzenden Bäume stören. Die Bäume weichen. Klaglos.
Der Wind wird frischer. Er bewegt die Äste. Wen schert das?


Schtt...


Die Sterblichen, die noch zahlreicher werden, sind nicht zufrieden. Wohin würde der lebhafte Wind sie führen, wenn sie sich von ihm treiben ließen?
Die Menschen bauen nun Welten-Schiffe und brauchen dafür sehr viel Holz.
Die noch immer üppigen Wälder bilden einen hervorragenden Vorrat. Hier läßt sich aus dem Vollen schöpfen. Die ewigen Wälder werden landstrichweise abgeholzt. Gebirge werden kahl. Die fruchtbaren Freiflächen eignen sich für die nutzbringende Landwirtschaft und die weitere Besiedlung.
Der Wind antwortet. Er weht stark. Er heult.


Schuhu...


Fahrende Schiffe allein sind nicht das Wahre. Die Menschen vermehren sich weiter. Sie wollen nicht mehr ihr Leben lang an einem Ort bleiben, sondern etwas von der Welt sehen. Dampfende Eisenbahnen werden erfunden.
Es werden einsame Schneisen in die wilden Wälder geschlagen.
Der Wind wird heftig. Er bewegt schwächere Baumstämme. Das behindert nicht die segensreiche Technik.


Schuhui...


Die Menschen, die die Erde immer dichter bevölkern, brauchen immer höhere Häuser, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie schaffen prachtvolle Städte und ansehnliche Ballungsräume. Jetzt wohnen sie dicht beisammen.
Ausgleichend muß die individuelle Mobilität zunehmen. Sie fahren in eigenen Stolz-Autos. Es müssen viele Straßen gebaut werden.
Die raschelnden Bäume stehen im Weg. Sie werden gefällt. Massenhaft. Der Tod des einen gehört zum Leben des anderen.
Der Wind reagiert. Er biegt die Stämme der verbliebenen Bäume. Er hat fast Sturmstärke. Aber so ist das normal.


Schuhuii...


Außer den Menschen, den Häusern, den Feldern und dem Vieh auf den Weiden vermehren sich nun auch die Autolieblinge. Und mit ihnen die Straßen. Sie zerschneiden das Land.
Die Menschen sind Gottes Geschöpfe. Dem hat sich alles unterzuordnen. Selbstlose Bäume, die im Weg stehen, müssen nun einmal weg.
Der Wind bläst Sturm. Er läßt rote Ziegel von steilen Hausdächern fliegen.
Das wird repariert.
Er drückt den beißenden Rauch der Heizstellen zurück in die Wohnung. Die Menschen entsorgen die Luft verpestenden Öfen. Stattdessen wärmen sie ihre Stuben mit stillen Atom-Kraftwerken und klappernden Windrädern.
“Woher kommt bloß der Sturm?” wundern sich die Menschen. - Naturgewalten. Das ist eben so.


Schuhuihu...


Es gibt inzwischen arme und reiche Erdteile. Die Armen leben in Armut, die Reichen im Wohlstand.
Die Armen haben viele Bäume, imposante Wälder, die Reichen nennen ein paar Bäume ihr eigen. Sie haben ihre störenden Wälder weitgehend abgeholzt.
Die Armen wollen auch reich sein. Und die Menschen, die sich die Natur untertan machen, werden mehr. Also beginnen auch sie, ihre Pracht-Wälder abzuholzen.
Das Wasser zum Leben reicht nicht aus. Darum müssen Talsperren gebaut werden. Darin verschwinden stattliche Wälder.
Der Wind tobt. Er läuft zu schwerem Sturm auf und läßt die Bäume brechen. Nur gemeinsam sind die stark. Leichte Bauten schmeißt der tobende Sturm um, als ob sie Kartenhäuser und zu nichts nutze seien.
Der üble Sturm schickt Gewitter. Mit haselnuß-großen Hagelkörnern! Die Menschen staunen.
Was soll man machen? Das läßt sich nicht ändern.


Schuhuschu...


Also wird weitergemacht wie bisher. Und noch eins draufgesetzt. Die Menschen vermehren sich wie die Kaninchen. Und auch die Armen holen an Wohlstand auf. Das sieht man an den geliebten Autos, die nun auch bei ihnen wie bunte Ameisen durch die zersiedelte Landschaft krabbeln. Auch sie haben mehr Straßen gebaut und viele, viele wehrlose Bäume gefällt.
Der Wind rächt sich. Er fegt als orkanartig-tobender Sturm übers Land. Er nimmt die schützenden Dächer von den Häusern und läßt sie fliegen. Er entwurzelt den einen oder anderen mächtigen Baum. Er holt sie mit Leichtigkeit aus den Erde wie Menschen Zündhölzer aus der Packung.
Er schickt schwerste Gewitter mit schlimmsten Schauern.
Hagelkörner, so groß wie Apfelsinen! Das kann doch nicht wahr sein! Die Erde stöhnt laut auf.
Es nutzt etwas. - - - Die Menschen können es nicht mehr überhören. Sie setzen sich zusammen und schreiben ein Protokoll zum Klimaschutz.


Schauhuschu...


Die Menschen werden mehr. Jeder verläßt sich auf den anderen, was die Einhaltung des Protokolls betrifft. “Eine Ausnahme fällt nicht ins Gewicht,” denkt jeder.
Die anspruchslosen Bäume nehmen ab. Im gleichen Maß, wie die nun lichten Wälder verschwinden, nimmt die Lufttemperatur zu. Immer unmerklich. Wie der Wind. Doch jetzt erleben die gemäßigten Klimazonen Tropenhitze. Ah! Sonne wie im Urlaub!! Sonne satt. Die Menschen freuen sich. Sie haben genügend Wasser. Die Bäume lechzen zusammen mit der übrigen Natur nach Wasser.
Die Sonne unterstützt die Menschen. Sie heizt den Bäumen ein. Sie brennt vom Himmel hernieder, was das Zeug hält. Die Bäume verdorren oder stehen als riesige, brennende Fackeln in der Landschaft. Das Feuer breitet sich schnell aus zu einer Feuersbrunst, die alles Leben vernichtet. Die Menschen ackern und schwitzen, es zu löschen; denn es könnte auf ihr Eigentum übergreifen oder ihr nacktes Leben bedrohen. Nur ihnen steht das Recht zu, Feuerrodungen durchzuführen und nicht der Sonne. Hat die etwa Ahnung von wirtschaftlichen Erfordernissen? Sie zündelt völlig unmotiviert wie ein kleines Kind.
Die Schädlinge helfen auch den Menschen. Auf ihre Weise. Sie vermehren sich explosiv, und gegen sie ist kein Kraut und keine Chemie gewachsen. Von den Menschen werden sie jedoch nicht geliebt, sondern als Plage empfunden. Sie trachten danach, sie auszurotten; denn sie stören ihr Profitstreben, wenn sie die Bäume krank machen und das Holz der Bäume nicht mehr verwertet werden kann.
Daß der Sauerstoff, die Luft zum Atmen, schleichend abnimmt, danach kräht kein Mensch. Es ist doch noch genug für alle da.
Was du säst, wirst du ernten. Die Natur versteht die Welt nicht mehr. Sie bläst Sturm. Der Wind nimmt sich eine Windsbraut, und sie vereinigen sich zum Orkan. Der sieht seine Chance gekommen. Keine stolzen Wälder mehr da, die ihn auflaufen lassen. Keine starken Baumgruppen, die sich ihm kraftvoll entgegenstemmen. Er wird nicht gebremst. Er prallt nicht ab. Er kann ungehindert trampeln und tosen und an Kraft gewinnen. Der kraftstrotzende Orkan greift an. Er rupft die Bäume wie Unkraut aus dem Boden und schmettert sie auf Häuser und Menschen, die sich hierin sicher fühlen. Er reißt Mauern ein und läßt sie krachend stürzen.
Er schickt schwerste Gewittergüsse. Blitze schlagen ein und entfachen verheerende Waldbrände. Die schon knappen Waldbestände werden weiter verkleinert. Er haut alles kurz und klein. Ohne Wenn und Aber. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Hühnerei-große Hagelkörner! Immer neue Rekorde!
Das Wasser aus den Wolken ergießt sich wie eine Sintflut übers Land und verwandelt Straßen zu Strömen. Die Häuser verschwinden.. Wassermassen stürzen herein. “Rette sich, wer kann!” Großes Geschrei. Jetzt rufen die Menschen “Ach!” und “Weh!” Riesengroße Aufregung. Die ungezügelten Naturgewalten sind einfach schrecklich. Die Menschen klammern sich an alles, was schwimmfähig ist: Stühle, Tische, Schränke. Oder auch nur einfache Latten.
Aber das hilft den allermeisten nicht. Sie ertrinken jämmerlich.
Gnadenlos zieht der wütende Orkan auch übers Land, wo keine Flüsse und Meere sind. Hier bildet er erzgefährliche Staub- und Sandhosen, nimmt Erdflächen, Menschen, Tiere, Pflanzen und Gebäude mit - und zerschmettert sie irgendwo.
Die Erde ächzt und stöhnt wie ein Schwerkranker, der mit dem Tode ringt. Sie bäumt sich auf. Ein letztes Zucken, und sie macht dem Tod Platz. Der Orkan zerstört nahezu die gesamte Zivilisation.
Wer beherrscht wen?


Krawummbumm... Bumm.


Weiter so? Bis zum endgültigen Untergang?
Die wenigen übriggebliebenen Menschen schauen ängstlich verwirrt. Sie reiben sich die vernunftgetrübten Augen. Sie lauschen auf ihre Umgebung. Wittern sie Morgenluft? Sie erwachen.
Sie sollen es sein, die so viel Wind machen?
Die Menschen wollen begreifen. Sie suchen Schlußfolgerungen.
Gibt es einen Hoffnungsschimmer?
Die verbliebenen Bäume lassen sie stehen. Generös erlauben sie sogar deren vorsichtige Vermehrung. Plötzlich fehlt ihnen die Schönheit und Vielfältigkeit der Bäume. Deren Kühle und Frische, Natürlichkeit und Reinheit vermissen sie. Deshalb pflanzen sie selber Grüne und Weiße Bäume, beschützende Regenschirmbäume, Bäume der Hoffnung, Bäume der Liebe, Bäume des Wissens, Kaiserbäume und Bäume des Lebens an.
Der Wind ist nicht nachtragend. Er honoriert das, indem er nicht mehr stärker wird.
Er beruhigt sich sogar etwas, als die Menschen alles, aber auch wirklich alles, was oberirdisch noch verbaut ist, begrünen. Die Menschen schmücken nicht nur die verbliebenen Häuser mit Grün, wobei nur die Fenster wie schimmernde Augen ausgespart werden, sondern auch Straßenlaternen, Baumstämme der noch vorhandenen Bäume, ja - sogar die Straßenzüge selbst. Diese überdachen sie wie Laubengänge, durch die freundlich die Sonne blinzelt. Plötzlich kennt ihr Erfindungsreichtum, ihr Reichtum beim Erfinden im Begrünen der Erde keine Grenzen. Die Pflanzenwelt dankt mit reichlichen Sauerstoffspenden, die die Menschen kraftvoll und tief einatmen. AH!!!
Die Menschen können nun wieder gute Luft atmen. Sie, die im Laufe der Zeit - wie der Wind - immer hektischer und kränker geworden sind, entwickeln eine sagenhafte Kreativität zum Wohle der Natur - und damit zu ihrem eigenen Wohl - und fühlen sich plötzlich viel gesünder und ruhiger.

Angelika Paul

Als ich diese Geschichte schrieb, wußte ich nicht, daß es dazu auch ein Bibelwort gibt:
Denn die Erde wird wüst sein ihrer Bewohner wegen, um der Frucht ihrer Werke willen.
(Oder vereinfacht ausgedrückt: Die ganze Erde wird zur Wüste wegen der Schuld ihrer Bewohner.)
Micha 7,13

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