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Die Schlangen-Apotheke in Berlin


Juni 2002

Ein Apotheker hat einen anspruchsvollen Beruf. Er kennt sich sowohl bei den wissenschaftlichen Arzneimitteln als auch bei den volksmedizinischen Produkten aus.
Herr Tyrannus Teufel, ein untersetzter Mann mit dicker Brille, kurz: Tete, ist der Inhaber der Schlangen-Apotheke. Seit 777 Jahren wird sie von einem Sohn zum anderen vererbt. Auch jetzt arbeitete der approbierte Sohn Gottwald neben einigen angestellten Apothekern mit. Der Enkel Gobo durfte hinten im Büro spielen.
In der Schlangen-Apotheke trafen sich Tradition und Moderne. Das gepflegte Interieur aus edlem, dunklem Eichenholz war Jahrhunderte alt. Wertvolle mit kostbaren Edelsteinen verzierte Einlegearbeiten, die für Arzneien verwendete Tiere und Pflanzen darstellten, schmückten das Mobiliar. Ein Computersystem sorgte für alle Annehmlichkeiten der heutigen Zeit.
Auf dem Trottoir vor der Apotheke zog Straßenkunst die Augen der Passanten auf sich: Ein aufrecht stehender, lebensgroßer Bär. Dieser trug auf seinem Haupt einen Korb, gehalten von den beiden hochgestreckten Pranken des Meisters Petz, in dem farbenprächtige Heilkräuter wuchsen und gediehen.
Er selbst war mit den gleichen Kräutern bemalt. Diese sprossen aus einer Schlange, die den Kraftmenschen umschlang. Wer genau hinguckte, konnte auch erkennen, daß klitzekleine Schlangen die mystisch-freundlich schauenden Augen des Waldtieres bildeten.
Der Heilsam-Bär selbst barg ein Geheimnis... Welches wohl?
Wer den Bären trotz seiner Auffälligkeit übersah und sich nur auf das Apotheken-A konzentrierte, bemerkte, daß dieses von einer weißen Schlange, die sich in den Schwanz biß, gekrönt wurde. Diese Schlange hieß Hildegard.
Im Laden schlängelten sich zwei weitere, weiße, wie Perlmutt schimmernde Schlangen. Wer das Licht im richtigen Winkel auf deren Haut fallen sah, erblickte Schriftzüge: Agrippa und Theophrastus Bombastus.
Noch war der alte Apotheker Tete die Seele der Apotheke. Er war bei den Kunden sehr beliebt. Er nahm sich ihrer Fragen an und beriet sie kompetent.
Jetzt steht er mit einem etwa 20jährigen, blonden, athletischen Mann zusammen. Ulf Sommerlatte, der Sportstudent, trug ein modisches, eng anliegendes, schwarzes T-Shirt und paßgenaue Jeans, was die V-Form seines durchtrainierten Körpers vorteilhaft betonte.
"Haben Sie Helmkraut oder Schlafbeere?" fragt er den Apotheker.
Herr Teufel stutzt.
"Wofür brauchen Sie diese Kräuter?"
"Es sind Stärkungsmittel, habe ich erfahren. Und ich will das Beste für meinen Körper. Ich will der Beste beim Sport sein."
"Diese Kräuter sind aber auch giftig. Bei falscher Anwendung können Sie sich riesigen Schaden zufügen," gab der Fachmann trocken zu bedenken.
Ratlos schaute der Durchtrainierte.
"Es gibt ein Stärkungsmittel, mit dem Sie sehr zufrieden sein werden," machte Herr Teufel dem jungen Mann Hoffnung.
"Wie heißt es?" fragte Ulf.
"Aloe vera." Wie ein Zauberwort klang das.
Der Jüngling zuckte mit den Achseln. Nie gehört.
Im Korb des Bären blühte es prächtig. Rosa, rot, orange, gelb, weiß und grün. Der Bär schmückte sich mit der gleichen Blütenpracht.
"Zeigen Sie es mal," forderte der Sportler zögernd den Apotheker auf.
Herr Teufel holte drei Packungen.
"Aloe vera ist sozusagen das Lebenselixier, was die körperliche Aktivität und Leistungsfähigkeit steigert."
Der junge Mann bekam große Ohren. DAS wollte er haben.
"Aloe vera, das Wundermittel aus der Natur, ist reich an Vitaminen, Mineralien, Aminosäuren und Enzymen. Genau das, was Sie zum Sport brauchen."
Sein Kunde nickte zustimmend.
"Das hört sich interessant an. Wie sind die Preisunterschiede zwischen den drei Präparaten?" Er zeigte auf die Packungen, die vor ihm auf dem Tisch lagen.
"Dieses hier ist ein reines Aloe vera-Produkt. Die anderen beiden haben noch Zusätze, die die Wirkung verstärken."
Herr Teufel hob eine Packung hoch.
"Hierin ist noch Katzenkralle. Diese Pflanze fördert die gesunde Funktion des Immunsystems. Also bleiben Sie fit für den Sport."
Er verschwieg, daß die Katzenkralle auch ein wirkungsvolles Antioxidans ist. Der junge Mann interessiert sich nicht dafür, ob die "guten" in die "schlechten" Fettsäuren umgewandelt werden und Katzenkralle das verhindert.
"Katzenkralle unterstützt also die Leistungssteigerung?" fragte Ulf.
"Ja. Und hier in dem dritten Produkt befindet sich zusätzlich Suma, das Energie liefert. Also das Power-Power-Power-Pack."
"Und die Preise?" wollte Ulf wissen.
"Sehr günstige 18,72 €, 20,88 € und 23,31 €. Eine Flasche reicht etwa einen Monat."
Ulf schwankte. Er kratzte sich am Kopf. Er zählte seine Taler. Sie reichten für das Beste.
"Ohne künstliche Konservierungsstoffe, keine künstlichen Süßstoffe, Geschmacksstoffe oder Farbstoffe," sagte Herr Teufel. "Gratulation!"
"Also etwas Ausgezeichnetes," schlußfolgerte Ulf.
"Das Beste," nickte der Heilkundige zustimmend.
"30 ml werden davon über den Tag verteilt getrunken. Als Athlet können Sie die Dosis bis zu 120 ml erhöhen. Nach dem Öffnen sollten Sie die Flasche im Kühlschrank aufbewahren," informierte Herr Teufel seinen Kunden.
Ulf war zufrieden. Am liebsten hätte er fröhlich gepfiffen. Doch ihm fiel ein, daß er noch etwas in der Apotheke abgeben wollte.
"Ich habe hier einen Beutel mit Tabletten von meiner Oma. Sie ist letzte Woche gestorben. Nehmen sie die Arzneimittel zur Vernichtung?"
"Mein herzliches Beileid," sagte Herr Teufel mitfühlend und nahm ihm den Beutel ohne zu zögern ab.
Diese Apotheke war zum Wiederkommen und Weiterempfehlen.
An den anderen Thresen wechselte ein Rezept nach dem anderen und ein Arzneimittel nach dem anderen den Besitzer.
Tete wandte sich der nächsten Kundin zu, ein altes, grauhaariges, tief gebeugtes Mütterchen. Trotz der Wärme trug die Rentnerin über ihrer weißen Bluse eine rosafarbene Wolljacke. Dazu einen geblümten Rock.
"Guten Tag, Frau Baudistel," begrüßte sie der Apotheker.
"Ich will wieder Beinwell-Wundwasser herstellen.
"Brauchen Sie es für sich?" erkundigte sich Tete.
"Nein, mein Urenkel Milan kommt zu Besuch. Seine Mutter muß ins Krankenhaus," erläuterte Frau Baudistel.
"Hoffentlich nichts Ernstes?"
"Sie bekommt ihr zweites Baby. Könnte diesmal ein Mädchen sein," verriet die alte Dame. "Meine Tochter ist verreist. Deshalb nehme ich Milan zu mir."
Tete nickte freundlich.
"Mein Urenkel tobt so viel und holt sich viele Schrammen. Und dann weint er wie ein ganzer Mädchenchor. Wenn ich ihm dann die Wunden mit Beinwell-Wundwasser betupfe und puste, hört er sofort auf zu schreien." Ein spitzbübisches Lächeln breitete sich über das faltige Gesicht des Muttchens aus.
"Ja, Beinwell wirkt schmerz- und blutstillend," bestätigte Herr Teufel.
"Ich habe das Rezept vergessen. Können Sie mir helfen, Herr Teufel?"
"Aber gern. Einen Teelöffel getrocknete, kleingepflückte Beinwellblätter auf 300 Milliliter, also gut einem Viertelliter, kochendem Wasser. 10 Minuten ziehen lassen. Dann durch ein Sieb gießen und auf Raumtemperatur abkühlen lassen. Wattebausch damit tränken und die Wunde betupfen," erklärte der Fachmann.
"Ach, ja. So war das," erinnerte sich die Oma.
"Also brauchen Sie heute nur ein paar Gramm," stellte der Apotheker fest.
"Wo wir von Beinwell sprechen... Dank Ihres Rezeptes für Beinwelljauche gedeihen meine Tomaten, der Sellerie und alle Kohlarten prächtig. Wie lautete die Herstellvorschrift nochmal?" fragte Frau Baudistel.
"1/2 Kilogramm getrockneten Beinwell in 10 Liter Regenwasser ansetzen."
"Na klar! Nach drei oder vier Tagen war die Jauche schleimig geworden. Nach einer Woche konnte ich sie verwenden. Die war gut!" Das Muttchen strahlte bei dem Gedanken daran.
"Nicht vergessen, die Jauche 1:10 zu verdünnen. - Wollen Sie sie nochmals ansetzen, Frau Baudistel?"
"Vielleicht warte ich noch etwas. Geben Sie mir heute nur die paar Gramm für das Wundwasser," entschied sich die Kundin.
"Ich möchte auch gern noch Ringelblumensalbe mitnehmen," fügte sie hinzu. "Die von Ihnen selbst hergestellte. Falls ich das Beinwellwasser nicht fertig bekomme, habe ich Ersatz."
"Haben Sie keine Ringelblumen in Ihrem Garten?" fragte Herr Teufel.
"Die will ich stehen lassen. Sie kräftigen die Rosen und schützen die Tomaten vor der Tomatenfliege. - In Ihrem Korb da draußen auf dem Bärenkopf blühen sie wie kleine Sonnen!" sagte sie bewundernd.
"Schauen Sie auch auf die Knie des Bären. Das eine finden Sie mit dem Gelb und Orange der Ringelblume verziert. - Das andere bedecken die rauhaarigen Blätter des Beinwells wie ein Pflaster. Der eingerollte, nickende, traubenartige Blütenstand ist ihm in die Leiste gewachsen." Dort prangte er rot, rosa und weiß.
Herr Teufel holte eine Flasche mit sechseckigem Querschnitt, nahm ein rotes Etikett und trug darauf "Schlangen-Apotheke" ein.
"Wie war bitte Ihr werter Vorname?"
Er schrieb Ida Baudistel auf das Etikett, das heutige Datum und die Dosierung. Hätte die Kundin Tropfen zur innerlichen Anwendung verlangt, hätte er eine runde Flasche gegriffen und diese mit einem weißen Etikett versehen. Wie in der guten alten Zeit.
Herein stürzte eine junge Frau mit dunklem Bubikopf und einer riesenhaften Sonnenbrille, die aussah wie ein exotischer Schmetterling und die ihr halbes Gesicht verdeckte. Gehetzt und außer Atem hatte sie keinen Blick für die einmalige Schönheit der Apotheke. Aber die Menschen drehten sich nach ihr um. Mit schriller Stimme fragte die Mondäne:
"Können Sie mir sagen, wo der Schlangenbad-Park ist?"
In dem verwunschenen Park steht ein Brunnen, der aus einer ausgewachsenen Anakonda-Nachbildung besteht. In deren Mitte bläst ein Schlangenbeschwörer seine Pfeife. Eine mächtige Königskobra richtet sich vor ihm auf. Sie spritzt mit gespaltener Zunge - nicht Gift, sondern klares Wasser in die Zisterne. Fünf farbige Schlangenskulpturen umrahmen ihn. Die Apothekendecke spiegelt eine orginalgetreue, gemalte Abbildung des Ensembles.
"70 m weiter," antwortete Herr Teufel freundlich. Und schon war die Eilige verschwunden. Das alte Muttchen schlurfte langsam hinterher.
Herr Teufel ließ gedankenverloren seine seelenguten Augen auf den korallenroten Bären ruhen. Hier hinten häutete sich die schuppig-weiße, sich um ihn windende Schlange ein wenig. Grüne, unscheinbare Blütenstände umrahmten den Kopf wie ein Lorbeerkranz.
Lächelte Meister Petz jeden Kunden an, der hereinkam? Verbeugte er sich gar bei manchen Kunden zum Abschied? Dabei schienen die Blütenstängel, die den Bären wie Adern von der Herzpflanze bis zu den Pranken durchzogen, zu blinken. Beispielsweise jetzt bei der alten Frau Baudistel. "Danke herzlich!" Aber das konnten die Menschen nicht hören.
Ein Mann im besten Alter lenkte Tetes Aufmerksamkeit auf sich. Herr Holzapfel trug ein kariertes Hemd und eine Latzhose mit vielen Taschen. Der Handwerker wünschte seine Problemzone zu verändern und verlangte ein Haarwuchsmittel für seine Geheimratsecken.
"Meine Freundin liebt mich zwar, würde es aber noch besser finden, wenn ich volleres Haar hätte."
"Brennessel," fiel dem Apotheker sofort ein. "Pfarrer Kneipp hat sie sogar gelobt."
Er gab Herrn Holzapfel Brennesseltee, empfahl ihm, diesen eine halbe Stunde lang zu kochen und sich mit der Flüssigkeit vor dem Schlafengehen den Kopf zu waschen. Es gibt noch andere Mittel, aber erst mal sollte der Mann es damit versuchen.
"Haben Sie nicht auch Pferde, Herr Holzapfel?"
"Warum fragen Sie?"
"Mir fällt bei der Gelegenheit ein, daß mit Brennesselsamen Pferde kräftig werden und ihr Fell seidig glänzend. Munter werden Ihre Schönheiten auch davon - falls sie es nicht schon sind."
"Das klingt gut. Geben Sie mir eine ordentliche Menge!"
"Man sollte nur gelegentlich einige Samen unters Futter mischen. Dann bleiben die Pferde gesund."
Tete verwöhnte seine Kunden mit bewährten Hausmitteln, Informationen und Tipps. Er suchte seinesgleichen. Er kam kaum zur Ruhe. Lange Schlangen bildeten sich vor seinem Thresen. Die Menschen warteten geduldig. Aber jetzt gab es eine Kundenlücke, die er für eine erholsame Pause nutzte.
Er brühte sich einen aromatischen Kaffee. Frisch schmeckte er ihm am besten.
"Ah, Schaum auf dem Kaffee. Das bringt Geld," dachte Tete. Dazu gönnte er sich ein schönes Stück Schokolade. "Willst du auch welche?" fragte er Gobo, seinen Enkel. Der nickte eifrig.
"Ja, gern, Opa!" Mit leuchtenden Augen schob sich der Junge die Süßigkeit in den Mund. Bald hatte er einen braunen Bart. Tete schmunzelte.
"Als Kind konnte ich mich an leckerer Schokolade, köstlichem Marzipan und süßem Zuckerwerk satt essen," dachte er. Sie wurde hier hergestellt und verkauft, und er durfte sich bedienen. Nur manchmal schimpfte die Mama, wenn er es arg übertrieb.
Tete beobachtete Gobo, der Blumen malte. "Das sind Heilpflanzen," erklärte der Kleine eifrig. "Ich schenke dir das Bild, wenn es fertig ist, Opa."
Ursprünglich bedeutete das Wort "Apotheke" Speicher. Beliefert wurden die Apotheken von Hausierern unter anderem mit Heilkräutern und Granatäpfeln, aber auch mit Teilen ägyptischer Mumien und dem Blut und Fett Hingerichteter. Das war frühes Mittelalter.
Später wurden neben pflanzlichen, tierischen und mineralischen Arzneimitteln auch Gewürze wie Muskat, Zimt, Nelken und Pfeffer sowie Zucker, Tee, Kaffee und Reis verkauft. Wie gern hatte er die Spezereien gerochen! Wie es hier damals angenehm duftete!
Heutzutage verkauft er nur noch Pfefferkuchengewürze zu Weihnachten.
"Ich muß wieder zu meinen Kunden," dachte Tete.
Frau Wollenbär, die Mutter eines kleinen Mädchens, beide in hübschen, luftigen Sommerkleidern, trat auf ihn zu.
"Schauen Sie, Herr Apotheker, Fleur hat hier Grind." Tete schaute kurz auf die krustigen Hautausschläge des Mädchens.
"Die Ärztin hat mir ein Rezept mitgegeben." Die Mutter reichte dem Apotheker das Blatt.
"Knallgelber Stachelmohn," sagte er. "Ich setze Ihnen die Salbe an."
"Wann kann ich die abholen?"
"Etwa in einer Stunde."
In verantwortungsvoller Arbeit setzte Tete nach der ärztlichen Vorschrift die Rezeptur an. Als Steppke durfte er manchmal beim Abwiegen helfen, wurde aber immer hinterher genauestens kontrolliert. Heutzutage ist eine Handrezeptur sehr selten geworden.
Wieder im Verkaufsraum, kam eine Horde Kinder herein. Nanu? Brauchen die auch etwas aus der Apotheke? Ein Junge war ein ganz Mutiger. Er fragte:
"Können wir einen Bonbon haben?"
Tete lächelte den Jungen freundlich an. "Heute könnt ihr keinen Bonbon bekommen."
Die Kinder zogen eine Flappe und grummelten.
"Wollt ihr vielleicht unser neues Poster haben?" fragte sie der gutmütige Mann. Er zeigte ihnen - einen Bären.
"Das ist ja der, der vor der Tür steht!"
"Gut erkannt. Schaut ihn euch genau an. Wenn ihr sein Geheimnis herausfindet, bekommt ihr einen Bonbon," versprach er.
Die Kinder gingen vor die Apotheke, untersuchten den Bären und zerbrachen sich den Kopf.
Nun blickte Tete in das schmerzverzerrte Gesicht des im marineblauen Maßanzug fein gekleideten Managers Herrn Enkelenblat. Der rieb sich das Genick. Fast rollte eine Träne unter der Goldrandbrille hervor.
"Ich habe ja solche Schmerzen," stöhnte er. "Haben Sie was dagegen? Was pflanzliches?"
"Bei Genickschmerzen hilft Scheinbeere. Ich kann Ihnen ein Öl bieten."
Dankbar griff der Gestreßte danach.
"Danke!"
"Nicht bedanken für Medikamente," mahnte ihn der Arzneikundige. "Sonst wirken sie nicht," fügte er schnell hinzu, als Herr Enkelenblat erstaunt guckte.
"Papperlapapp! Aberglaube!" schnauzte er.
"Gute Besserung!" rief der Pharmazeut versöhnlich dem Davoneilenden hinterher.
Er blickte wieder auf den Bären. Auf dessen Genick prangten die in Trauben hängenden kleinen weißen und hellrosafarbenen Glöckchen der Scheinbeere. Dieses allerfeinsten Bodendeckers mit den roten, aromatisch duftenden Früchten (die eigentlich keine Beeren sind, sondern Kapseln wie beispielsweise der Mohn) "wuchs" dort.
Eine Stunde war um und Frau Wollenbär holte die Stachelmohnsalbe für ihre kleine Tochter ab. Fleur hatte lange, kastanienbraune Haare und einen Pony und beobachtete mit ihren großen, rehbraunen Augen, unter der weißen Hutkrempe hervorlugend, alles ganz genau. Sie hatte eine zarte weiße Haut mit entzückenden Sommersprossen, die wie kleine Sternchen über ihr Gesicht verteilt waren.
"Ich habe noch eine Frage. Ich habe Probleme mit meiner Gebärmutter. Ist dagegen auch ein Kraut gewachsen?" fragte die Mama.
"Mit solchen Beschwerden sollten Sie zum Arzt gehen," empfahl Herr Teufel.
"Im Moment habe ich keine Zeit und kann nicht so lange warten. Ich will es zunächst selbst versuchen."
"Nehmen Sie Frauenmantel. Aber wenn es nicht besser wird, gehen Sie zum Arzt," mahnte der Pharmazeut eindringlich.
"Willst du lieber einen Bonbon oder einen kleinen Bären?" fragte der freundliche Apotheker das Kind.
Mama entschied. "Den Bären, bitte." Vielleicht war sie gesundheitsbewußt?
Tete reichte Fleur einen kleinen Bären, so rot wie das Apotheken-A, der dem großen vor der Tür wie ein kleiner Bruder ähnelte.
Fleur strahlte über beide Backen.
"Welch ein merkwürdiger Tag heute. Ich mußte lauter Mittel empfehlen, die im Korb wachsen und auf dem Bären abgebildet sind," sinnierte Tete.
Wieder zu Fleur gewandt, sagte er:
"Komm, ich zeige dir was." Er ging mit dem kleinen Mädchen vor die Tür.
Er zeigte Fleur die Tautropfen auf dem Frauenmantel, der im Korb auf dem Kopf des Bären wuchs.
"Hiermit waschen sich die Holzfräulein, das sind Naturgeister, das Gesicht," erklärte er dem Kind mit einem leichten Schmunzeln. Die Kleine juchzte.
"Und Mädchen verwenden diesen Sonnentau, um ihre Sommersprossen loszuwerden," fügte er hinzu.
"Was ist das für eine Blume?" fragte Fleur und zeigte auf eine kaktusähnliche Pflanze, einem Liliengewächs aus der Wüste.
"Da liegt das Herz," stellte Fleur fest. Die Pflanze sendet wie ein Lasso ihre langen Stängel voller Blüten in die Welt."
"Da wächst Aloe vera, dieses Pflanzenwunder, das auch Gebrechlichen Kraft und Stärke gibt," erklärte Tete, sich neben Fleur niederkniend.
"Schau mal nach oben." Tete wies auf die Blütenstände der Brennessel im Korb, durch die ein Windhauch wehte.
Kleine Rauchwölkchen wie die Kringel eines Pfeifenrauchers paffte die Pflanze mit den Brennhaaren, die nur Atem anhaltende Jungfrauen nicht stechen, dem Lüftchen hinterher.
"Und was ist das? Mit der grellgelben Blüte?" wollte Fleur nun wissen und wies auf die Waden und rückwärtigen Oberschenkel von Meister Petz.
"Stachelmohn," bezeichnete Tete die aus Südamerika stammende Pflanze mit den am Rand stachligen Blättern.
Tete zeigte auf den Bauch des Bären, über den sich die Tau-Perlen tragenden, handförmigen Blätter des Frauenmantels ausbreiteten. Sie ähnelten vom Wind umgeknickten Regenschirmen.
Eine fremde, elegante Dame im gelben Kostüm trat auf den Apotheker zu:
"Ihr Bär mit dem Kräuterkorb sieht prächtig aus!"
Das hörte der Apotheker gern.
"Gefällt er Ihnen?"
Sie schnupperte an den grüngelben Blütenständen des Frauenmantels.
"Ah! Mmh! Süß wie Honig," begeisterte sich die Dame. Mit einem Blick auf den Korb fügte sie hinzu:
"Eine sehr eigenwillige Mischung."
"Da kann ich Ihnen nur zustimmen," antwortete Tete. "Wir hätten gern Kornblume, Wermut, Schafgarbe, Kamille, Baldrian, Klatschmohn und Dill gepflanzt, aber das hätte nicht zu dem Bären gepaßt."
"Warum harmonieren diese Kräuter hier mit Meister Petz und andere nicht? Wie soll ich verstehen, daß heimische Wildkräuter und Zimmerpflanzen aus Übersee zusammenpassen?"
Tete schaute sie hintergründig lächelnd an. Sollte er ihr das Geheimnis des Bären verraten?
"In einer Sage gab es Artemis. Das war die griechische Göttin der freien Natur und der Jagd. Sie war die Anführerin der Nymphen..."
Die Frau guckte fragend.
"Artemis hatte ein heiliges Tier. Das war ein Bär. Dieser wurde für ein verzauberter kräftiger Mensch gehalten..."
"Bär?" Die Jungen, die immer noch über das Geheimnis des Heilsam-Bären rätselten, wurden hellhörig. Neugierig schlichen sie heran und spitzten die Ohren.
Der Apotheker Tyrannus Teufel fuhr fort:
"Seine Attribute der Stärke wie Klauen, Herz und Blut galten in der Volksmedizin meines Ururgroßvaters als Stärkungsmittel. Sein Fett half bei Schrammen und Stichwunden. Darüberhinaus als Haarwuchsmittel, gegen Grind, bei Genickschmerzen und Gebärmutterproblemen. - Die Kräuter stellen das Pendant zu den Heilwirkungen des Bären dar. Sie sind ein Geschenk der Natur."

Angelika Paul

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